Alan M. Turing – ein Lebensretter

(von Frank Kühnlenz, 13.06.2000)

Jedem Informatiker begegnet in seiner Ausbildung der Name Alan Turing als Entwickler der universellen Turing-Maschine, die als theoretische Basis unserer modernen, programmierbaren Computer verstanden wird. Seine bedeutende Arbeit während des 2. Weltkrieges bleibt allerdings dem Selbststudium überlassen, obwohl sie das Leben dieses mathematischen Genies geprägt und letztlich vorzeitig beendet hat.

Alan Mathison Turing wurde am 23. Juni 1912 in London als Sohn eines Briten und einer Inderin geboren. Mit vierzehn Jahren besuchte er die Internatsschule Sherborne in Dorset, in der er als schüchtern, ungeschickt aber naturwissenschaftlich talentiert bewertet wurde. Fünf Jahre später geriet er während seines Stipendiums am King’s College in Cambridge in die damals beginnende Diskussion über eine Grundfrage der Mathematik und Logik: die Unentscheidbarkeit, die Kurt Gödel begrifflich geprägt hat.

Turings Beschäftigung und teilweise Lösung dieser Problematik mit Hilfe seiner universellen Turingmaschine verschaffte ihm große Ehren und einen Namen unter den Mathematikern weltweit. Mit Beginn des Krieges wurde die britische Regierung auf ihn aufmerksam, so dass er 1939 als Kryptoanalytiker verpflichtet wurde. Zur Geheimhaltung verpflichtet wurde er Mitglied eines elitären, kleinen Kreises der klügsten Köpfe Englands im legenderen Bletchley Park (Arbeitsplatz der Government Code and Cypher School), der Ort, an dem der feindliche Nachrichtenverkehr entschlüsselt wurde.

Bisher waren die Alliierten bei der Entschlüsselung der Enigma - Chiffren auf einen Fehler der Deutschen angewiesen. Auf deutscher Seite wurde jeder Spruchschlüssel zweimal gesendet, um den Empfänger vor Fehlern zu schützen. Die dadurch auftretende Wiederholung hatte schon im Vorfeld des Krieges der Pole Rejewski genutzt, um den Schlüssel zum dechiffrieren der Nachricht zu finden. Leider war unbedingt damit zu Rechnen, dass die Deutschen ihren Anwendungsfehler erkennen und beseitigen würden. Turing hatte sich diesem Problem zu stellen. Er erkannte, dass die archivierten Meldungen stets eine strenge, militärische Ordnung aufwiesen. So wurde beispielsweise täglich um 06:00 ein codierter Wetterbericht gesendet, der zwangsläufig das Wort „Wetter“ enthielt. Es war demnach möglich, ein Stück Klartext einer Chiffre zuzuordnen; diese Art Anhaltspunkt wird als Crib bezeichnet.

Turing suchte eine Möglichkeit, die Cribs einer Enigma – Konfiguration zuzuordnen. Sein Genie erkannte, um das Rätsel zu lösen, müssen nicht nur die einzelnen Verschlüsselungselement (3-5 Walzen, Schalterbrett zum Vertauschen einzelner Buchstaben) getrennt und separat angegriffen werden, sondern auch mehrere Enigmas parallel und miteinander verbunden betrieben werden. Er und sein Team konstruierten sogenannte bombes, die in maximal 5 Stunden den Tagesschlüssel finden konnten, sobald ein Crib als Basis verfügbar war.

Der Historiker Sir Harry Hinsley berichtet: „Der Krieg [hätte] nicht 1945, sondern 1948 geendet, wenn Bletchley Park nicht in der Lage gewesen wäre, die Enigma – Chiffren zu lesen und die Ultra – Aufklärung [Codename des Projektes] zu liefern.“.

Damit hat Alan Turing Tausende Menschenleben gerettet: Amerikanern, Briten, Russen, Japanern, Italienern und auch Deutschen. Ohne ihn könnten manche von ihnen diesen Essay nicht lesen. Doch was geschah nach Schließung von Bletchley Park mit ihm? Die Öffentlichkeit kannte seine Geheimdienstarbeit nicht, auch nach Arbeitsende war er zu Stillschweigen verpflichtet – selbst seinen Eltern gegenüber.

Die Ironie des Schicksals sollte sein Lohn werden: 1952 wurde er als Homosexueller nach Paragraph 11 des Zusatzes zum Strafrecht von 1885 wegen „grober Sittenlosigkeit“ gedemütigt, als Geheimnisträger entlassen und zu einer „Behandlung“ abgeurteilt. Tragisch ist zudem, dass seine Homophilie weder an der Universität, noch beim Militär, die Dank ihrer gründlichen Überprüfung diesen Umstand auch gekannt haben müssen, eine besondere Beachtung fand.

Die angeordnete „Behandlung“ des Psychiaters mit Hormonen ließ ihn impotent und fettleibig werden. In Folge dessen bekam er eine schwere Depression und wählte mit nur 42 Jahren den Freitod durch einen zyanidgetränkten Apfel.

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